Mikado
Das „Mikado“ in Frankfurt/Oder ist ein Jugendclub, wie es sie zu Dutzenden im Osten gibt. Untergebracht in einem ehemaligen FDJ-Pionierheim, das im 19. Jahrhundert mal Waisenhaus war, steht es heute als eines der buntesten und lebhaftesten Häuser mitten in der Stadt. Täglich treffen sich hier die Kids aus der Umgebung, kommen vom Pablo-Neruda-Block herüber oder vom Thomas-Müntzer-Hof, zwei benachbarten Platten aus den 60er Jahren, und machen das, was Jugendliche in ihrer Freizeit so machen: Quatschen, Musik hören, basteln, spielen. Nichts besonderes also: Business as usual im Jugendclub.
Und genau das interessierte Josephin Müller, als sie hier im Frühjahr 2006 Material für eine Porträtserie über Jugendliche an der deutsch-polnischen Grenze sammelte: der Alltag als Rohstoff der Fantasie. Anlass ihrer Recherche war das Projekt „Neuland“, zu dem die Berliner Ostkreuzschule für Fotografie und Gestaltung junge Künstlerinnen eingeladen hatte, sich fotografisch mit den Veränderungen im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Polen auseinanderzusetzen. In welcher Realität leben die Menschen hier? Welche Träume haben sie, welche Wünsche und Hoffnungen?
Dass Josephin Müller dazu ausgerechnet Jugendliche in einem ostdeutschen Jugendzentrum befragte, ist nicht ohne Grund. Denn sie weiß: Jugend und Osten ist in der medialen Wahrnehmung eine heikle Kombination. Seitenweise Reportagen wurden darüber schon geschrieben, mit dramatischen Exkursen über Jugendarbeitslosigkeit, Kinderarmut, Ausländerhass und rechte Gewalt in den Vorstädten. Aber kommt man dem Lebensgefühl von Jugendlichen im Osten dadurch tatsächlich auf die Spur?
Nein, sagt, Josephin Müller, im Gegenteil. Der problematisierende Blick mache Jugendliche nur zu unfreiwilligen Mitspielern in einer Geschichte, die alles über die Vorurteile ihrer Erzähler, aber nichts über die Wirklichkeit sagt. Als Fotografin interessierte sie sich deshalb für den entgegengesetzten Weg: Sie wollte sich den Jugendlichen unvoreingenommen nähern, ohne den Ballast politischer, sozialer oder medialer Kontexte, und wollte sie so aus der ihnen verordneten Rolle als Repräsentanten eines bestimmten gesellschaftlichen Problems entlassen.
Für ihr Projekt ging die 28-Jährige vier Monate lang regelmäßig ins „Mikado“, traf sich mit den Jugendlichen, redete mit ihnen und ermutigte sie, Bilder und Posen von sich selbst auszudenken, die ihr Lebensgefühl in ein stimmiges Verhältnis zu der Realität setzen, die sie umgibt. Auf diese Weise entstand „Mikado“, eine Polaroid-Serie von Brustbildern, die den Jugendlichen kaum mehr Freiheit zur Selbstdarstellung hätten lassen können. Die neun Mädchen und Jungen im Alter von 14 bis 17 Jahren posieren mit nacktem Oberkörper vor wechselnden Hintergründen. Mal ist es ein geblümter Vorhang, mal eine rissige Wand oder eine altmodische Tapete, die als unscharfe Kulisse den atmosphärischen Rahmen vorgibt, in dem sich die jungen Modelle vor der Kamera bewegen. Ihr Blick zielt dabei meist haarscharf am Objektiv vorbei ins Nichts, oft gedankenverloren und leicht melancholisch, aber immer auf eine seltsam fragile Weise bei sich selbst. Dieser gemeinschaftliche Blick in die Leere macht Müllers Serie trotz der unterschiedlichen Posen und Hintergründe, die die Jugendlichen für ihr Bild gewählt haben, erstaunlich homogen. Man spürt, dass hierauf der eigentliche Fokus ihrer Porträts gerichtet ist: auf die unsichtbare Welt der Träume und Fantasien, die sich nur in feinen Nuancen in den Gesichtern der Jugendlichen spiegelt.
Unterstützt wird dieser Eindruck von Intimität durch die verhaltene Nacktheit der Models, die ihre Körper zwar nicht ausstellt, aber dennoch eine große Nähe erzeugt. Müller hat sich bewusst dafür entschieden, weil Nacktheit nicht nur das verletzliche Ich in den Vordergrund rückt, sondern zugleich den Verzicht auf alle Codes bedeutet, aus denen Jugendliche ihre soziale und kulturelle Identität beziehen. Müllers Models tragen keine Markenklamotten, keine Pitbull-Sweater und keinen Öko-Chic, einzig ihr Haarschnitt lässt noch vage Rückschlüsse auf bestimmte Gruppenzugehörigkeiten zu. Dadurch sind die Jugendlichen ganz auf sich selbst zurückgeworfen – und auf ihren Körper, der so zum Schauplatz für die vorsichtig tastende Demonstration von Selbstbewusstsein wird. Denn so sehr sich der Wunsch nach Coolness, Erwachsensein und Selbstbestimmung hier seine unterschiedlichen äußeren Formen sucht, so deutlich bleibt in den Haltungen ihrer Körper und auf ihren Gesichtern die Unsicherheit über die eigene Person spürbar. Dieses Schwanken zwischen Scheu und Mut, Melancholie und Stolz, das Josephin Müller in ihren Porträts zeigt, hat etwas zutiefst Berührendes, weil es einen grundsätzlichen Zweifel andeutet, der die Suche von Jugendlichen nach Identität begleitet. Es ist der Zweifel an einer Wirklichkeit, in der die Erwachsenen zwar die Definitionsmacht und Deutungshoheit besitzen, ihre Legitimation dazu aber oft mehr als fragwürdig erscheint.
Während dieser Zweifel im Alltag seinen Ausdruck im ständigen Wechsel zwischen Anpassung und Verweigerung findet, so scheint er bei Müller im grüblerischen Blick eines androgynen Jungen auf oder in der angespannten Haltung eines Mädchens, das ihren latenten Widerwillen zur Pose durch die offensive, frontale Zurschaustellung ihres Gesichts bricht, die Überwindung, die das für sie kostet, aber deutlich vorführt. An Haltungen wie diesen erweist sich die besondere Intensität, mit der Jugendliche und junge Erwachsene die Bedingungen, Konflikte und Widersprüche der Gesellschaft in sich tragen, in der sie leben.
Durch die Nacktheit ihrer Models sabotiert Müller so letztlich weniger die Selbstbilder der Jugendlichen, als vielmehr den Außenblick der Medien, Erziehungsberechtigten und Marketingexperten, die Jugend schon immer in ein Korsett an Zuschreibungen eingeschnürt und ihre sozialen Fahrpläne vom Rumtreiber bis zum Durchstarter festgeschrieben haben. Die allen äußeren Zeichen entleerten Porträts der „Mikado“-Serie stellen die berechtigte Frage, inwieweit diese Zuweisungen tatsächlich haltbar sind. Dass das nicht nur für Jugendliche aus dem Osten gilt, versteht sich von selbst. „Diese Serie hätte überall entstehen können“, sagt Josephin Müller.
Dass sie sich den Spuren, die der Weg zwischen Konvention und Widerstand an den jugendlichen Körpern hinterlässt, nicht im Kleinbild- oder Mittelformat nähert, sondern mit der Polaroid-Kamera, ist da übrigens nur konsequent. Die kontrastarme Ästhetik des Polaroids, seine Momenthaftigkeit und eigenwillige Farbigkeit lenkt dezent den Blick und erzeugt vor jedem dieser Porträts das intensive Gefühl, hier Zeuge eines seltenen, flüchtigen Augenblicks des Übergangs zu werden, in dem Identität sichtbar wird.
Text: Dietrich Roeschmann