City of Angels

 City of Angels

1/ Im Oktober 2006 fuhr ich für drei Monate nach Bangkok, um die dortige Schwulenszene zu porträtieren, die im thailändischen Sextourismus eine wichtige Rolle spielt. Meine ursprüngliche Absicht war, die öffentliche und käufliche Seite der Liebe, in der die jungen Homosexuellen das Objekt der Begierde sind, ihren eigenen Sehnsüchten und Hoffnungen gegenüberzustellen. Wovon träumen Tausende Moneyboys in der asiatischen Metropole, wenn sie gerade nicht damit beschäftigt sind, die Bedürfnisse ihrer Kunden zu erfüllen?

 

2/ Mr. Nung (27) habe ich nachts in der Bar des Malaysia Hotel kennengelernt, wo er auf Kunden wartete. Er sagte, er sei zu schüchtern, um Männer anzusprechen, und fand sich selbst auch zu hässlich, deshalb sei er als Moneyboy nicht so gut im Geschäft wie er das vielleicht sein könnte. Er schenkte mir ein Kuscheltier, das er aus einem Automaten zog, und zeigte mir Gedichte, die er geschrieben hatte. Er lud mich in sein Appartement ein, das er gemeinsam mit May bewohnte. Nachdem er verstanden hatte, dass ich weder Sex haben noch Sex-Bilder von ihm machen wollte, blieb ein tiefes Mißtrauen, ob ich mein Versprechen halten und ihm die Bilder geben würde, das sich erst auflöste, als er die Fotos tatsächlich in der Hand hielt.

 

3/ Es gibt in Bangkok unzählige Hotels, Bars, Clubs, Discos und Saunen, die alle auf Sex spezialisiert sind. Sex ist überall, in den bombastischen Shows, die Nacht für Nacht mit einem Heer von Sängern, Tänzern und Strippern eine erotische Traumwelt für ein zahlendes Publikum inszenieren, an den Treffpunkten, von denen die prominentesten für homosexuelle Kontakte die Bar des Malaysia Hotel, die Disco DJ und die Sauna Babylon sind, und auf der Straße, wo sich die käufliche Obsession fortsetzt. Sex ist vor allem auch in den Köpfen der Thailänder, wenn sie einem Ausländer begegnen.

 

4/ Sert (23) lebte und studierte in Laos und verdiente sich das Geld dafür als Moneyboy. Seine Freier waren meist ältere Männer. Ich lernte ihn in einem Internetcafé in Bangkok kennen, wo er mir weinend einen Brief seines 40jährigen Boyfriend aus Hamburg zeigte. Teilte dieser ihm wirklich das Ende der Liebe mit? Ja, das tat er. Am Abend holte Sert mich ab und wir gingen zusammen aus. Das Bild entstand im Bad meiner Wohnung.

 

5/ Die jungen Männer, die ich kennenlernte, waren keineswegs nur Prostituierte. Einige waren festangestellt oder selbständig in Branchen, die mit Sex nichts zu tun hatten, andere waren verheiratet und genossen den Status einer Ehefrau. Doch alle gingen wie selbstverständlich davon aus, dass mein Interesse an ihnen nur Sex sein konnte, in welcher Form auch immer. Der Erfahrungshintergrund, der in Thailand durch die vielen Jahre Sextourismus geschaffen wurde, ist so total, dass sich meine Gesprächspartner nichts anderes mehr vorstellen konnten. Wenn nicht Sex, was konnte diese Deutsche mit dem Fotoapparat dann von ihnen wollen?

 

6/ Mac (27) kam aus dem Norden Thailands und lebte erst seit ein paar Jahren in Bangkok. Bis zu seiner Kündigung hatte er drei Jahre als Stylist für einen Fernsehsender gearbeitet. Nun war er selbständig, aber der Verdienst reichte nicht. Mac wurde noch von zwei Lovern im Ausland finanziert, die nichts voneinander wussten. Als ich zum Termin in seine Wohnung kam, war seine Mutter da, um uns sehr großzügig zu bewirten. Sie war sehr stolz auf ihren Sohn und die Tatsache, dass er von mir fotografiert wurde. Ihrer Gastfreundschaft verdankte ich es, dass ich später noch andere Mitglieder der Familie kennenlernte. Ich freundete mich mit Mac an und er wurde von allen Porträtierten derjenige, mit dem ich die meiste Zeit verbrachte. Wir sprachen viel, eine für ihn ganz neue Erfahrung, denn Thailänder machen fast alles mit sich alleine aus und merken häufig erst, wie sehr ihnen Gespräch fehlte, wenn sie es plötzlich und unerwartet haben. Die kommunikative Einsamkeit lässt sich daran ermessen, dass Mac nach einigen Wochen meinte, es gebe in seinem Leben sonst niemanden, der ihn so gut kenne wie ich. Vielleicht war deshalb die Enttäuschung über meine Abreise so groß, dass er an meinem vorletzten Abend in Bangkok einen heftigen Streit provozierte, um dann mittendrin wütend zum Taxi zu rennen. Das war unser Abschied. 

 

7/ Geld ist das Äquivalent zu Sex und war keineswegs nur bei den Moneyboys ein wichtiges Thema, sie sprachen es nur direkter an. Nichts machte mir den Voyeurismus meines Vorhabens deutlicher als die Tatsache, dass sie ihn bezahlt haben wollten. Wie auch immer ich mich selbst in meiner Arbeit gesehen hätte, in ihren Augen wäre ich eine Sextouristin gewesen. Dass ich mich auf die Rolle der beruflichen Zuschauerin beschränkt hätte, machte keinen Unterschied, denn auch davon sind in Bangkok genügend unterwegs. Ich glaube, in Sachen Ausländer & Sex gibt es nichts, was den Thailändern erspart geblieben ist.

 

8/ May (27) war ein Ladyboy und wohnte mit Mr. Nung zusammen. Sie kamen beide aus demselben Dorf und waren schon seit ihrer Kindheit befreundet. May hatte die Umwandlung zur Frau ganz vollzogen. Die Operationen und die Behandlung hatte ihr 56jähriger Ehemann in Singapur bezahlt. Er finanzierte ihren Lebensunterhalt und sagte, May sei sehr teuer, weil sie immer das Neueste und Beste von allem haben müsse. Allerdings verdiente May als Sängerin in einer Bar auch selbst etwas Geld. Für das Foto auf ihrem Balkon zog sie sich eine Stewardessen-Uniform der Singapore Airlines an und machte sich nach ihren Vorstellungen zurecht. Sie war sehr liebenswürdig.  

 

9/ Ich hatte nicht viel Geld, aber es waren am wenigsten finanzielle Gründe, weshalb ich auf Fotos aus dem schwulen Sex-Millieu schließlich gänzlich verzichtet habe. Es hätte mir vielleicht auch egal sein können, wie die Thailänder mich bei meiner in Wahrheit sexlosen Arbeit wahrnehmen, sofern ich diesen Blick mit den persönlichen Porträts hätte ergänzen und korrigieren können. Es zeigte sich jedoch sehr schnell, dass ich nicht beides haben konnte. Ich musste mich entscheiden, entweder Geschäftsbeziehung oder privater Kontakt. Mein Konzept musste ich in jedem Fall ändern.

 

10/ Dheo (26) war in einer Bar als Sängerin festangestellt. Bei ihren Auftritten lernte ich sie als Frau kennen und war zunächst etwas irritiert, als zum Shooting ein Mann kam. Ich weiß nicht, wie Dheo sich selbst gesehen hat, das bleibt sein Geheimnis, aber er gehörte zu den wenigen Porträtierten, die waren, was sie sein wollten, und sich nicht nach einem ganz anderen, unerreichbaren Leben sehnten. Dheo war immer ziemlich beschäftigt und zugleich derjenige, der sich am meisten über die Bilder gefreut hat.

 

11/ Die Mehrheit meiner Gesprächspartner hatte finanzielle Probleme, deshalb schützte der private Rahmen nicht automatisch vor Geldfragen. Er war jedoch die Bedingung dafür, nicht nur Moneyboys, sondern auch andere Schwule kennen zu lernen. Ich habe im scheinbar Gleichen der sexuellen Orientierung, der Suche nach Liebe und der Sehnsucht nach Freiheit die Unterschiede gesehen. Ich bin erfolgreichen und scheiternden Strategien begegnet, stieß auf Sensibilität dort, wo ich sie nicht vermutet, und auf Grobheit, wo ich sie nicht erwartet hatte. Ich bin im Guten und im Schlechten einigen der jungen Männer sehr nahe gekommen.

 

12/ Anstelle der Bilder aus der Welt der Freier und Kunden habe ich Schwarz-Weiß-Fotos gesetzt, die wie Schatten auf die Porträtierten verweisen und symbolisch für bestimmte Aspekte stehen, die ich an allen beobachtet habe. Ich beschließe die Serie mit dem Bild der Katze, weil sich darin etwas für Thailand sehr Typisches ausdrückt. Es ist nämlich allgemein üblich, diesen Tieren die Schwänze zu coupieren, doch nicht, weil das dem Schönheitsideal entspräche, sondern, wie mir erklärt wurde, um ihren Stolz zu brechen.

(Text : Petra Coronato)